1.1.4 Amnesie als Symptom des WKS

Der Thiaminmangel im Gehirn trifft vor allem die Mammilarkörper (Bergmann 2005 S.1243). Mammilarkörper sind Teil des Papezkreises im Limbischen System. Dem Papezkreis wird eine wichtige Funktion bei der Übertragung von Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis des Großhirns zugeschrieben. Der Kreislauf des Papezkreises ist somit an einer Stelle unterbrochen und überträgt Erinnerungen an das Langzeitgedächtnis nur noch teilweise oder gar nicht mehr. Dies führt zu dem Symptom der anterograden Amnesie.


Abbildung 2: Papezkreislauf im Limbischen System. Der blaue Kreislauf symbolisiert den Papezkreislauf mit seinen unterschiedlichen Stationen. Die abgehenden Pfeile zeigen die Übertragung in das Großhirn und damit in das Langzeitgedächtnis an. Die beschädigten Mammilarkörper sind Teil des Papezkreislaufs und in der Zeichnung grün makiert.

Bei einer anterograden Amnesie ist die Merkfähigkeit für neue Bewusstseinsinhalte je nach Schädigungsgrad reduziert. So bleiben neue Informationen nur noch für ein bis zwei Minuten im Gedächtnis erhalten, ehe sie wieder vergessen werden. Das bedeutet für die Betroffenen je nach Schweregrad der Erkrankung, dass aktuelle Ereignisse nicht lange erinnert werden können (Deutschle 1998 S.93). Häufige Begleiterscheinung ist eine retrograde Amnesie, das Vergessen ganzer Lebensjahre, vorwiegend die Zeit, in der getrunken wurde. Für die betroffene Person ist dies nicht erklärbar und so knüpft sie häufig an der letzten greifbaren Erinnerung an und bewegt sich somit in ihrem Zeitgefühl in der Vergangenheit. Konfrontationen mit der aktuellen Jahreszahl können dann für Verwirrung sorgen. Entstandene Erinnerungslücken werden häufig durch Konfabulationen gefüllt.


Abbildung 3:Zeitstrahl für Amnesie ausgehend vom Zeitpunkt der akuten Wernicke-Encephalopatie (Grafikkonzept von Deutschle 1998 S.93)