1.1.5 Konfabulation als Symptom des WKS

Aufgrund der retrograden und anterograden Amnesie sind für das WKS Konfabulationen typisch. Konfabulationen sind fiktive Erinnerungen. Man unterscheidet zwischen spontanen und provozierten Konfabulationen (Kopelmann 2009).
Spontane Konfabulationen beruhen auf der Unfähigkeit fragmentarische Erinnerungen und gedankliche Assoziationen auseinander zu halten (Schnider 2006). Sie werden besonders bei Personen mit einer Schädigung im Limbischen System, wie dem WKS, beobachtet. Es ist das Versagen eines vorbewussten Filters, der einen aufkommenden Gedanken je nach seinem Bezug zur aktuellen Gegenwart anpasst. Ein Versagen dieses Mechanismus führt dazu, dass ein aufkommender Gedanke nicht auf seine Richtigkeit überprüft wird, sondern ohne Prüfung als wahr angenommen wird. Dies führt zu einer spontanen Konfabulation und Desorientiertheit mit dem Verkennen der aktuellen Gegenwart. So erfundene Erinnerungen können für Außenstehende stimmig, teilweise aber auch absurd erscheinen.
Provozierte Konfabulationen sind dagegen der Versuch des Gehirns ungenaue Erinnerungen zu präzisieren. Sie schaffen eine Brücke für die Lücken im Kurz- und Langzeitgedächtnis. Provoziert werden diese Konfabulationen deshalb genannt, weil versucht wird eine nicht gespeicherte Erinnerung abzurufen und für diese Lücke im Gedächtnis vom Gehirn ein möglicher Ersatz geschaffen wird. Beide Formen der Konfabulation sind fiktive Erinnerungen, die nicht oder nur zufällig mit der passierten Realität übereinstimmen. Sie sind nicht bewusst vom Vortragenden erfunden, sondern stellen für ihn zur Zeit der Erzählung eine tatsächliche Erinnerung dar. Man kann davon ausgehen, dass auch gesunde Menschen Erinnerungen provoziert konfabulieren. Konfabulationen gesunder Menschen fallen allerdings erheblich geringer aus als Konfabulationen, die durch eine erworbene Hirnschädigung hervorgerufen werden. Diese Konfabulationen helfen den Betroffenen den Alltag emotional zu bewältigen, weil sie sich so nicht ständig mit der Tatsache auseinandersetzten müssen, stetig zu vergessen. Typisch für Korsakowkranke sind deshalb Konfabulationen zu Situationen, die gerade aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis übergehen müssten. Kopelman verglich in einer Studie die Konfabulationen von Alzheimerpatienten, Korsakowpatienten und gesunden Personen (Kopelman 1987). Die Probanden mussten einen Zeitungsartikel lesen und sollten seinen Inhalt sofort, nach 45 Minuten und nach einer Woche wiedergeben. Dabei stellte Kopelman fest, dass die ausgeprägtesten Konfabulationen bei Korsakowpatienten nach 45 Minuten vorgetragen wurden. Korsakowpatienten konfabulierten allerdings auch nach dem direkten Lesen der Zeitungsmeldung. Alzheimerpatienten neigten dagegen stärker zur sofortigen Konfabulationen, wohingegen gesunde Menschen nach einer Woche am stärksten konfabulierten. Dies zeigte unter anderem, dass Korsakowkranke zu einer Mischung aus spontanen und provozierten Konfabulationen neigten. Die Alzheimerpatienten konfabulierten spontan, während gesunde Menschen nur zu provozierten Konfabulationen neigten.
Für Korsakowkranke können Konfabulationen hinderlich in der Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit und der Realität sein. Der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses wird von den Betroffenen oft nicht ohne äußere Reflektion realisiert, da sie selber durch die Konfabulationen Erinnerungen haben. Durch eine vergessene Trinkvergangenheit kann die Überzeugung wachsen, im Leben keine Probleme mit dem eigenen Alkoholkonsum gehabt zu haben (Hingsammer 2002).