1.2.1 Alkohol Polyneuropathie

Alkohol Polyneuropathien werden von der WHO im ICD 10 als G62.1 klassifiziert (WHO ICD10). 20-40% aller Alkoholiker leiden nach Feuerlein unter Polyneuropathien (Feuerlein 1989, S.131). Nach Bergmann sind das 15-40% aller Alkoholiker (Bergmann 2005 S.1244). Poeck und Hacke ordnen die Polyneuropathie dem WKS als Symptom zu. Bei der Alkohol-Polyneuropathie werden die peripheren Nerven geschädigt. Dies geschieht einerseits durch fehlendes Thiamin, welches von den Nerven im Gehirn wie auch im peripheren Nervensystem benötigt wird (Poeck 2001 S.589), andererseits wirkt der Alkohol selbst als Nervengift und greift die Nervenbahnen an (Bergmann 2005 S.1246). Erste Symptome sind Taubheit, Kribbeln und Schmerzen in den Füßen, Beinen und/oder Händen. Die Alkohol-Polyneuropathie tritt überwiegend distal auf, d.h. in den unteren Extremitäten (Thier 2007 S.803) und ist überwiegend symmetrisch angeordnet. In Abbildung 4 sind verschiedene Formen der Polyneuropathie aufgeführt. Die Alkohol-Polyneuropathie fällt in den meisten Fällen wie der distal symmetrische Typ aus (Bergmann 2005 S.1247). Hände und Beine müssen nicht immer gleichzeitig betroffen sein. Nach Poeck können Alkohol-Polyneuropathien auch asymmetrisch (In der Abbildung 4: A multiplex-Typ) auftreten (Poeck 2001 S.641).


Abbildung 4: Typen der Polyneuropathie. Schädigungen des peripheren Nervensystems sind rot markiert

Das häufigste Symptom der Alkohol-Polyneuropathie ist die Störung der Tiefensensibilität (Mumenthaler 2002 S. 557). Das bedeutet für den Betroffenen, dass er nicht spüren kann, wann er seinen Fuß auf den Boden setzt. Da die Polyneuropathie sehr unterschiedlich auftritt, sind auch die Einschränkungen, die sie mit sich bringt, unterschiedlich. Betroffene Personen, die ihre Tiefensensibilität in der Fußsohle verloren haben, zeigen häufig ein verändertes Gangbild und setzen den Fuß sehr abrupt ab. Schmerzen in den Beinen können durch exponierte Nerven hervorgerufen werden und werden laut Bergmann auch „burning Feet“ genannt (Bergmann 2005 S.1247). Bei Schmerzen unter den Füßen verlagern einige Betroffene ihr Gewicht auf die Fußseiten. Daraus resultiert ein ohbeiniges Gehen. Eine Alkohol-Polyneuropathie kann sich auch durch Schmerzen und Schwäche in der Beinmuskulatur, insbesondere in den Waden zeigen (Mumenthaler 2002 S.557). In jedem Fall schränkt eine Polyneuropathie in den Füssen und Beinen die Mobilität stark ein. Fußwege dauern erheblich länger, teilweise werden Hilfsmittel wie Rollatoren oder Gehilfen benötigt, um das Gleichgewicht zu halten und die Beine zu entlasten. Weitere mögliche Symptome sind Störungen der Lage-, Oberflächen- und Temperaturempfindung (Feuerlein 1989 S.131). Störungen der Lageempfindung sind dabei am häufigsten zu beobachten und schränken das Gehen stark ein. Betroffene benötigen immer Gegenstände und Hilfsmittel wie Handläufe in ihrer direkten Umgebung, an denen sie sich festhalten können, um ihr Gleichgewicht zu bewahren. Aber auch ein gestörtes Temperaturempfinden kann im Alltag gefährlich für die Gesundheit werden, da eine betroffene Person nicht einschätzen kann, ob Badewasser zu heiß zum Baden ist, oder die Außentemperatur zu niedrig für einen Spaziergang in leichter Bekleidung. Die Prognose für eine Alkohol-Polyneuropathie wird grundsätzlich positiv bewertet. Feuerlein als auch Poeck schätzten die möglichen Entwicklungen über mehrere Monate bei einer behandelten Polyneuropathie eher günstig ein (Feuerlein 1989 S.132). Die Behandlung einer Polyneuropathie besteht aus ausgewogener Ernährung, zusätzlicher Vitamin-B-Komplexgabe und Physikalischer Behandlung. Poeck weist allerdings darauf hin, dass die sehr individuelle Erscheinungsform der Polyneuropathie und damit die individuelle Regeneration sich schlecht definieren lassen (Poeck 2001 S.589). Zu erwähnen bleibt, dass eine Polyneuropathie einen chronischen Verlaufe nehmen kann und dies insbesondere dann, wenn die Polyneuropathie nicht rechtzeitig, abstinent und über Monate dauerhaft und konsequent behandelt wird. Aufgrund von versäumter Therapie sind chronisch verlaufende Polyneuropathien häufige Begleiterscheinungen des WKS. Wenn im weiteren Verlauf dieser Arbeit von Polyneuropathien gesprochen wird, sind damit eben diese chronischen Verlaufsformen gemeint, die zum Großteil schon länger bestehen und irreversibel sind.