1.3 Welche Auswirkung hat die Erkrankung auf das Leben?

Das Wernicke-Korsakow-Syndrom wird auch als ein Symptom-sammelbecken für Folgeerkrankungen des chronischen Alkoholismus bezeichnet. Die tatsächliche Zusammensetzung der Symptome ist immer sehr individuell, genauso wie die einzelnen Symptome unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Die stärksten Einschränkungen für das alltägliche Leben sind die Gedächtnisschwäche und die Mobilitätseinschränkung durch Polyneuropathien. Zu der Bedeutung von Amnesie für das eigene Leben schreibt Luis Bunuel in seinem Buch „Mein letzter Seufzer „:

Man muss erst beginnen, sein Gedächtnis zu verlieren, und sei´s nur
stückweise, um sich darüber klar zu werden, dass das Gedächtnis unser ganzes Leben ist. Ein Leben ohne Gedächtnis wäre kein Leben . . . Unser Gedächtnis ist unser Zusammenhalt, unser Grund, unser Handeln, unser Gefühl. Ohne Gedächtnis sind wir nichts . . . (Ich kann nur auf die retrograde Amnesie warten, die ein ganzes Leben auslöschen kann, wie bei meiner Mutter...) – Luis BUNUEL – Mein letzter Seufzer

Oliver Sacks stellt dieses Zitat von Luis Bunuel an den Anfang seines bekannten Berichtes „Der verlorene Seemann“ (Sacks 1987). Er beschreibt in diesem Bericht den Fall eines Korsakowpatienten in einer Pflegeeinrichtung für alte Menschen. Er stellt im Zusammenhang mit dieser Textpassage die Frage, wie viel unserer Identität in unserem Gedächtnis liegt.
Erfahrungen prägen uns und formen unseren Charakter. Wir greifen immer wieder auf unsere Erfahrungen zurück. Aufgrund unserer Erfahrungen begründen wir unser Handeln. All unser Wissen speichern wir in unserem Gedächtnis. Was würde es für uns bedeuten, wenn wir keine neuen Erfahrungen abspeichern können oder, wenn wir uns an Teile unseres eigenen Lebens nicht mehr erinnern könnten? Bunuel drückt seine persönliche Ansicht sehr drastisch aus: „Ohne Gedächtnis sind wir nichts“. Ein Leben ohne Gedächtnis ist natürlich noch immer ein Leben. Aber es fehlt ein großer Teil von dem, was uns ausmacht.
Auch in der Informatik hat man in diesem Zusammenhang bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz wichtige Erfahrungen gesammelt. In den Anfängen der Forschung zu künstlicher Intelligenz in den 50er Jahren ging man davon aus, dass Intelligenz nur durch Funktionen und nicht durch Wissen gestaltet werden kann. Nachdem man mit diesen Ansatz scheiterte, ist man in der Erforschung der künstlichen Intelligenz dazu übergegangen, künstliche Intelligenz dadurch zu generieren, dass man auf bereits bestehende Informationen in Datenbanken zurückgreift und von Funktionen verarbeiten lässt. In der Informatik wird Bewusstsein also nicht mehr nur in Form von Denkvorgängen verstanden, sondern man muss immer auf bereits generiertes Wissen zurückgreifen (Karagiannis 2001 S.28). In diesem Zusammenhang kann auch die Frage gestellt werden, ob die Einschränkung des Gedächtnisses auch eine Einschränkung oder Behinderung des Bewussteins bedeutet.
Bei Korsakowkranken fehlt je nach Schweregrad der Schädigung ein Teil ihrer Erinnerung. Ebenso können sie kaum neue Erfahrungen abspeichern, auf die sie dann wieder zugreifen könnten. Sich nicht erinnern zu können, hinterlässt eine Verunsicherung, die bei Korsakowkranken allgegenwärtig ist. Für manche Betroffene mit starken Schädigungen bedeutet dies, täglich in einem fremden Zimmer aufzuwachen und auf einem Zettel nachlesen zu müssen, wo sie sich befinden (Fallbeispiel Sacks 1987). Es bedeutet von Menschen mit einem funktionierenden Gedächtnis abhängig zu sein und auf deren Aufrichtigkeit vertrauen zu müssen. Konfabulationen helfen den Betroffenen sich nicht ständig mit dem Vergessen auseinander setzen zu müssen. Andererseits schaffen sie in Situationen, in denen sie mit der Realität konfrontiert wird, aber auch immer wieder unangenehme und peinliche Momente. Für einen Betroffenen kann dieser Zustand bedeuten, dass er sich selber nicht mehr trauen kann. Manchmal kann er sich nicht erinnern, manchmal stimmen seine Erinnerungen einfach nicht. Für manche Betroffene führt dies dazu, dass sie sich selber als unfähig degradieren oder beständig den Schein einer gesunden Person aufrechterhalten müssen. Zu erkennen, wie stark das eigene Gedächtnis geschädigt wurde und die Konsequenzen und Einschränkungen für das eigene Leben zu entdecken, kann sehr schmerzlich und irritierend sein, denn intellektuell sind Korsakowpatienten gar nicht oder kaum beeinträchtigt (Hingsammer 2002).
Das alltägliche Leben kann durch die Erkrankung nicht mehr selbständig bewältigt werden. Dies ist vielen Korsakowpatienten, insbesondere zu Anfang der Erkrankung, selbst noch nicht bewusst. Die Orientierung ist eingeschränkt, neue Wege und Orte werden nur langsam erschlossen und müssen zusammen mit anderen Personen erlernt werden. Veränderungen in der Umgebung können zu Verwirrung und Stress führen (Fallbeispiele: Sacks 1987, Deutschle 1998 S.99). Einkäufe in Geschäften oder auch werden zur Herausforderung, da auch hier das eigene Geld, die benötigten Waren und auch das Wechselgeld bedacht und erinnert werden müssen. Haushaltstätigkeiten bergen Gefahren durch eingeschaltete und vergessene Herdplatten, Bügeleisen, laufende Wasserhähne oder brennende Zigaretten.
Aber auch der wiederkehrende Tagesablauf kann Schwierigkeiten bereiten. Krankheitsbedingt fehlt Betroffenen häufig die nötige Motivation, um am Morgen aufzustehen. Die Gewohnheit eines geregelten Tagesablaufs ist in der Zeit des intensiven Trinkens verloren gegangen. Termine und Tagespläne müssen erinnert werden. Dies gelingt selbst mit einem Kalender häufig nur schwer oder muss erlernt werden, denn nach dem Eintragen der Termine muss im Kalender auch regelmäßig nach Terminen geschaut werden.
Die Antriebslosigkeit gepaart mit der Schwierigkeit sich neue Namen zu merken, kann auch leicht zum Rückzug in den eigenen Wohnbereich und damit schnell zur Vereinsamung führen.
Eine Diabetes ist in Verbindung mit dem Korsakowsyndrom gefährlich, weil das regelmäßig Essen und den Blutzucker bestimmen, insbesondere beim Typ II der Diabetes, überlebenswichtig sein kann. Gleiches gilt für die Einnahme von anderen wichtigen oder sogar lebensnotwendigen Medikamenten. Korsakowkranke verlieren häufig den Überblick über ihre Medikationen, vergessen das regelmäßige Einnehmen oder auch, wofür sie ein bestimmtes Präparat eigentlich nehmen müssen.
Die häufige Begleiterkrankung Polyneuropathie kann die Mobilität des Betroffenen erheblich einschränken und aufgrund der verminderten Temperatur- und Schmerzempfindlichkeit Probleme im Alltag bereiten. Zum Teil sind für Betroffene Hilfsmittel wie Rollatoren, Gehhilfen oder Rollstühle unerlässlich. Die Nutzung dieser Hilfsmittel stellt aber gleichzeitig eine emotionale Belastung dar, weil sie für viele Personen gleichbedeutend mit einer Behinderung sind und dies so für die Außenwelt sichtbar gemacht wird. Die Einschränkungen und Behinderungen durch das WKS und seine Begleiterkrankungen sind vielschichtig und dem Betroffenen nicht immer bewusst. Die Behinderungen, die bewusst sind, können eine Belastung für das Selbstwertgefühl sein.