2.2.1.1 Subjektwerdung und Subjektbildung

Jeder Mensch beginnt sein Leben in totaler Abhängigkeit von anderen Menschen. Diese Abhängigkeiten bestehen sowohl materiell (Wohnort, Nahrung etc.) als auch geistig (Kultur, Wissen etc.) und emotional (Aufmerksamkeit, Liebe etc.). Im Prozess der Sozialisation lernt der Mensch schrittweise aus dieser totalen Abhängigkeit in allen Bereichen unabhängiger zu werden, wenngleich er niemals vollständig unabhängig wird. Dieser Prozess kann auch Subjektwerdung genannt werden und er ist nicht nur auf die Zeit der Kindheit und Jugend beschränkt. Das Ziel bei der Subjektwerdung ist die schrittweise Überwindung von Abhängigkeiten und die schrittweise Erweiterung eigenverantwortlicher Handlungsfähigkeit. Soziale Abhängigkeiten von Alkoholikern können vielfältig sein und sich über die Familie, das soziale Umfeld und den Arbeitsplatz erstrecken, aber auch zuständige Behörden und Hilfseinrichtungen einbeziehen. Neben den sozialen Abhängigkeiten bestehen Alkohol- und andere stoffliche Abhängigkeiten, welche entscheidend die eigene Freiheit einschränken können. Die Korsakowerkrankung kommt hierbei mit ihren einschränkenden Symptomen erschwerend hinzu. Subjektwerdung kann bei Korsakowkranken also bedeuten, in den Gebieten der sozialen, stofflichen und der neuen Abhängigkeit aufgrund der Krankheitssymptome, die eigenverantwortliche Handlungsfähigkeit zu erweitern. Durch die Subjektbildung sollen verinnerlichte Zwänge zurückgedrängt werden, um sich selber bewusste Freiräume zum selbstbestimmten Leben zu schaffen. Man geht davon aus, dass Zwänge, die als Zwänge bewusst werden, ihren unhinterfragbaren Charakter der Selbstverständlichkeit verlieren und so leichter zu ändern sind. Speziell für Alkoholiker können solche verinnerlichten Zwänge, beispielsweise aus Trinkgewohnheiten, bei Problem- oder Stresssituationen bestehen. Die Bewusstwerdung dieser Zwänge kann dabei helfen, diese Situationen anders zu gestalten.