2.2.2 Der systemische Ansatz

Systemische Beratung/Therapie ist kein einheitliches therapeutisches Modell, sondern eher eine Sammlung unterschiedlicher Modelle, die teilweise sehr verschieden aussehen, aber gemeinsame Wurzeln in der Systemischen Theorie und im Systemischen Denken haben. Systematische Beratung hat wesentlich dazu beigetragen, dass Störungen und Konflikte in der Beratung nicht einfach individualisiert und pathologisiert, sondern mit dem sozialen Umfeld vernetzt werden (Radice von Wogau 2004 S.45). Das bedeutet, dass Störungen, Krankheiten oder Probleme in der Systemischen Beratung nicht als Ding gesehen werden, sondern als Prozesse sozialer Beziehungen in Handlungen und Kommunikation (von Schlippe 1996 S.102). Systemische Beratung fragt nach dem sozialen Umfeld, in dem eine Person lebt. Klassisches Beispiel eines solchen Systems ist die Familie. Jedes Familienmitglied hat eine Beziehung zu den anderen Familienmitgliedern. Spannungen und Probleme in der Familie können sich in den Problemen einzelner Familienmitglieder niederschlagen oder auch weitergegeben werden. Soziale Systeme befinden sich natürlich auch in anderen Bereichen, wie beispielsweise dem beruflichen Umfeld, Klassenverbänden, Freundeskreisen, Glaubensgemeinschaften etc.. Die Systemische Theorie vermutet, dass der Grund für Probleme in gestörten Beziehungen und Kommunikationsformen liegt. Dafür wird das System untersucht und die Beziehungen offen gelegt. Man geht davon aus, dass ein System Störungen beinhaltet, wenn es nicht im Gleichgewicht ist. Gleichzeitig hat jedes System selbstheilende Kräfte, um sich selber wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Sinn der Systemischen Beratung ist es, einen Anstoß zu geben, um aus einem gestörten System wieder auszubrechen und die selbstheilenden Kräfte des Systems zu aktivieren. Wie der Anstoß aussieht, der die Selbstheilung des Systems aktiviert, ist von Modell zu Modell in der Systemischen Beratung unterschiedlich. Der Systemische Ansatz sieht die Ursache von Problemen nicht nur bei dem Betroffenen, sondern in dessen sozialen System. Ursache eines Problems kann ein Systemfehler sein, der sich negativ auf das ganze System auswirkt. Der Systemische Gedanke sieht in einem problematischen Verhalten nicht nur das Problem und Fehlverhalten eines Individuums, sondern das Problem einer Gruppe von Individuen die sich in einem sozialen System bewegen und sich gegenseitig beeinflussen. Auch Alkoholismus kann seinen Ursprung in einem sozialen System haben. Feuerlein gibt beispielsweise den Prozentsatz der Alkoholiker, deren Eltern bereits Alkoholiker waren, mit 31% an (Feuerlein 1989, S.47). Aus systemischer Sicht kann der Alkoholismus der Elterngeneration die Störung eines familiären Systems sein. Aus dieser Störung des Systems können sich weitere Probleme ergeben, bzw. die Systemstörung kann von der Elterngeneration in die Kindergeneration weitergegeben werden. Ein explizit zu nennendes Phänomen in der Systemischen Betrachtung von Alkoholikern ist die Co-Abhängigkeit. Co-Abhängige sind Personen, die in einer familiären oder partnerschaftlichen Beziehung zu einem Alkoholabhängigen leben und somit von der Sucht ebenfalls betroffenen sind. Ihre Reaktion auf die Abhängigkeit kann unterschiedlich sein, wird aber von der Sucht beeinflusst. Co-Abhängigkeit beschreibt eine Rolle in einem System. Die Systemische Theorie sucht in Systemen nach Rollen und versucht zu klären, wie deren Einfluss auf das System und auf den Rollenträger selbst ist. In der Arbeit mit Korsakowkranken ist das Bewusstwerden der eigenen Rolle in den unterschiedlichen Systemen wichtig. Dazu kommt auch die Frage, ob die Rollen den Alkoholismus gefördert haben, die eigene Rolle durch die Korsakowerkrankung in Frage gestellt oder sogar zerstört wurde und welche Rolle ein Betroffener übernehmen wird, wenn er in ein altes soziales System zurückkehrt. Der Systemische Gedanke ist für die Arbeit mit Korsakowkranken auch wichtig, weil bei der Rückkehr eines Erkrankten in die Familie oder Partnerschaft, die Auswirkungen des Erkrankten auf das soziale System und umgekehrt beachtet werden müssen. Ein soziales System muss insbesondere die körperlichen Defizite, als auch die Gedächtnisdefizite aushalten und kompensieren können und aufgeschlossen für die Abstinenz sein. Gedächtnisdefizite können sich besonders belastend auf Partnerschaften auswirken und werden oft unterschätzt. Der gesunde Partner muss sich dann für zwei Personen erinnern und kann auf Dauer mit der Situation überfordert sein. Für einen Betroffenen kann die Rückkehr in ein soziales System bedrohlich sein, in dem nicht alle Alkoholiker abstinent leben. Die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ist hierbei erhöht. Nicht alle Grundsätze und Annahmen der Systematischen Beratung sind für die Arbeit mit Korsakowkranken anwendbar. Allerdings hilft das Denken in Systemen den Pädagogen, die Probleme neu zu durchdenken und weitere Lösungsansätze zu finden. Eine zentrale Forderung der Systemischen Theorie kann sehr passend in die Arbeit mit Korsakowkranken integriert werden: Handle stets so, dass du die Anzahl der Entwicklungsmöglichkeiten vergrößerst (Von Foerster 1993 S.233).