3.1 Realitätsorientierungstraining

Das Realitätsorientierungstraining (ROT) ist ein Programm, das in den 60er Jahren von Lucille R. Taulbee und James C. Folsom entwickelt und beschrieben wurde, um dementiell erkrankte Menschen nicht medikamentös zu behandeln (Taulbee 1966). Es ist ein sehr weit verbreitetes Training, welches in vielen unterschiedlichen Formen angewandt wird. Ziel des ROT ist es, das Erinnerungsvermögen zu erhalten, die Kommunikation zwischen Betreutem und Betreuer zu verbessern, die Ressourcen des Betreuten zu erhalten und zu fördern und ihm die Orientierung und den Bezug zur Realität zu jedem Zeitpunkt zu ermöglichen. Das ROT arbeitet dabei mit Umweltmodifikationen wie Hinweisschildern, Tagesablaufstrukturierung und Orientierungspunkten. Die gesamte Einrichtung wird auf die zeitliche und örtliche Orientierung der Korsakowkranken abgestimmt. Besonders bekannt sind dabei die „Realitäts-Orientierungs-Tafeln“ (Englisch: RO Boards). Diese Tafel können Informationen wie Datum, Jahreszeit, Wetter, Mahlzeiten, den Aufenthaltsort etc. enthalten und sollen den Betreuten Orientierungspunkte und Informationen bieten. Neben der örtlichen Anpassung an die Betroffenen soll auch die Kommunikation angepasst werden. Die Betreuer sollen einfache und verständliche Unterstützung und Informationen nutzen. Die Betreuer verzichten auf Ironie und Zweideutigkeiten, suchen dafür den Blickkontakt, sprechen die Personen mit ihrem Namen an und tragen selber Namensschilder. Diese Form des Realitätsorientierungstrainings wird auch „24 Stunden ROT“ oder „Informelles ROT“ genannt, da es dauerhaft und 24 Stunden am Tag eingesetzt wird (Spector 2000, Taulbee 1966).
Eine andere Form des Realitätsorientierungstrainings ist das „Formale ROT“ oder auch „Klassenraum ROT“ (Englisch: Classroom RO). Diese Form des ROT kann als ambulante Betreuung von Betroffenen oder auch als Zusatz zum informellen ROT in einer stationären Einrichtung angeboten werden (Spector 2000). Das formale ROT findet in betreuten Gruppen statt, die sich regelmäßig treffen und durch verschiedene Aktivitäten die Orientierung und den Realitätsbezug trainieren. Darin können beispielsweise Gedächtnisübungen, Orientierungsveranstaltungen zur Jahreszeit oder Aufgaben zum Erhalt der kognitiven Fähigkeiten enthalten sein.
Einzelne Bestandteile des ROT sind in der Behandlung von dementiell erkrankten Personen weit verbreitet, allerdings wird von Folsom beklagt, dass häufig nur einzelne, markante Aspekte des ROT, wie die Tafel, verwandt werden und nicht die Theorie in ihrer ganzen Breite angewendet wird (Folsom 1985). Auch die Effektivität des ROT wird allgemein kontrovers diskutiert und mit unterschiedlichsten Ergebnissen seit 1966 immer wieder neu erforscht (Spector 2000). Kritisiert wird insbesondere der Umstand, dass das ROT teilweise mechanisch und unsensitiv von Betreuern angewandt wird und durch die vorgegebene Tagesstruktur die individuelle Betreuung eingeschränkt und der Betreute dadurch entmündigt wird (Powell-Proctor & Miller, 1982). Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das ROT durch seinen Realitätsbezug den an Amnesie leidenden Menschen regelmäßig damit konfrontiert, dass seine subjektive Realität nur Fiktion ist (Woods 2002). Deshalb hat sich in der Demenzforschung und Pflege seit den 90er Jahren der Personenzentrierte Ansatz etabliert, welcher die subjektive Realität der dementen Person anerkennt und nicht negiert (Kitwood 1997). Seit dem Millennium erleben die Forschung und das Interesse um das ROT allerdings eine neue Blütezeit (Zanetti 2002), die eine leidenschaftliche Diskussion um Moral und Respekt gegenüber den erkrankten Personen ausgelöst hat (Woods 2002). Dabei gehen die Autoren fast ausschließlich auf die Alzheimer-Demenz als häufigste Amnesieform ein. Eine Erforschung der Wirkung des ROT auf Personen, die am WKS erkrankt sind, gibt es bisher nicht. Dennoch lassen die Schilderungen von Deutschle und Hingsammer darauf schließen, dass in der Praxis große Teile des ROT mit Erfolg in der Förderung von Korsakowkranken angewendet werden (Deutschle 1998 S.98, Hingsammer 2002). Die grundsätzliche Frage nach der Wahl der Therapieform bei Demenzkranken lässt sich auch bei der Betreuung von Korsakowkranken stellen:„Rechtfertigen die erzielten Erfolge durch die Realitätsorientierung die teilweise schmerzhafte Konfrontation und Herausforderung durch Korrektur und ständiger Neuorientierung?“ Bei der Beantwortung dieser Frage ist zu beachten, dass derselben Diskussion, im Fall von Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen, ein anderes Krankheitsbild zugrunde liegt als beim WKS. Die meisten Demenzerkrankungen sind fortschreitende Erkrankungen, die beim jetzigen Stand der Forschung unheilbar sind und deren Fortschritt nur verlangsamt werden kann. Zwar ist auch das WKS nach dem heutigen Stand der Wissenschaft unheilbar, es ist aber nach der akuten Phase der Wernicke-Enzephalopathie nicht mehr fortschreitend. Eine Verbesserung in der Orientierung und Selbständigkeit ist damit nicht zeitlich begrenzt, bis der Abbau weiter fortschreitet, sondern eine dauerhafte Errungenschaft. Die kritisierte feste Tagesstruktur kann dabei bei Korsakowkranken als Vorteil gesehen werden. Das nächste Kapitel setzt sich genauer mit der Adaption und praktischen Umsetzung des Realitätsorientierungstrainings bei Korsakowkranken auseinander.