3.1.2.1 Schrittweise Verselbständigung

Sinnvoll scheint eine schrittweise Rückgabe und Wiederherstellung der Selbständigkeit, um den Betreuten nicht zu überfordern. Unabhängigkeit bedeutet aber auch, alleine das eigene alltägliche Leben gestalten zu können und die dafür notwendige Alltagsarbeit unabhängig erledigen zu können. Die Reihenfolge in der Eigenverantwortung und Unabhängigkeit zurückgegeben werden, ist individuell anzupassen. Mögliche Bereiche sind:

Rückgabe der Verantwortung für den eigenen Wohnraum

Dies kann schrittweise die Gestaltung, Reinigung und Instandhaltung des eigenen Wohnraumes und des eigenen Mobiliars beinhalten. Die individuelle Gestaltung des Wohnraumes ist auch ein Recht von Bewohnern stationärer Einrichtungen. Trotzdem kann es notwendig sein, die Eigenverantwortung der Gestaltung dem Betreuten bewusst zu übertragen und dies als Ziel zu formulieren. Die Instandhaltung des eigenen Wohnraum und des Mobiliars ist abhängig von den Fähigkeiten der Betreuten und kann beispielsweise bei dem Wechsel defekter Glühbirnen beginnen.

Rückgabe der Verantwortung für die eigenen Finanzen / das eigene Taschengeld

Schrittweise können die Planungen der Einkäufe, das Verfügen über einen wöchentlichen Betrag, einen monatlichen Betrag und das Vermögen an den Betreuten abgegeben werden. Gemeinsam sollte die Führung eines Haushaltsbuches trainiert werden, welches im Fall von vergessenen Ausgaben, dem Betreuten Aufschluss über sein ausgegebenes Geld gibt und helfen kann, das zur Verfügung stehende Geld sinnvoll einzuteilen. Bei einer stationären Einrichtung ist der Übergang von der Vollverpflegung durch den Träger zu einer eigenverantwortlichen Verpflegung eine wichtige Phase in der Entwicklung. Die Übung selbständig und unabhängig einzukaufen und das Geld so einzusetzen, dass es für einen bestimmten Zeitraum reicht, ist ein großer Schritt zu eigener Unabhängigkeit. Grundsätzlich müssen Betreuer bei der Überlassung von Geld die mögliche Rückfallgefährdung berücksichtigen.

Rückgabe der Verantwortung für die eigene Bekleidung

Dies beinhaltet die eigenverantwortliche Beschaffung, Wäsche und Pflege der eigenen Bekleidung. Ein guter Einstieg ist der eigene Einkauf der Bekleidung. Mit den Betreuern können Waschtage vereinbart werden, um die Tätigkeit des Waschens in den Wochenrhythmus zu integrieren.

Rückgabe der Verantwortung für die eigene Verpflegung

Da die Mangelernährung als Folge von intensivem Alkoholismus Grund für das Korsakow-Syndrom ist, ist das Erlernen einer gesunden Ernährung wichtig. Helfen können dabei in erster Linie Kochgruppen und Arbeitsdienste, die sich mit der Zubereitung von Speisen beschäftigen. Später können einzelne Mahlzeiten wie Frühstück, Abendessen oder Mittag nacheinander in die eigene Verantwortung des Betreuten übergeben werden.

Rückgabe der Verantwortung für den eigenen Arbeitsplatz

Berufstätigkeit ist ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und beeinflusst das Selbstbewusstsein stark. Die Verantwortung für die Suche oder die Pflege eines Arbeitsplatzes im ersten oder zweiten Arbeitsmarkt kann dem Betreuten übertragen werden. Auf dem Weg zur vollen Eigenverantwortung sind Teilschritte wie die Suche nach einem gewünschten Betätigungsfeld, die Kommunikation mit dem Arbeitgeber oder das Schreiben von Bewerbungen empfehlenswert.

Rückgabe der Verantwortung für die eigene gesellschaftliche Integration

§53 Abs. 3 des SGB 12 besagt auch, dass es eine besondere Aufgabe der Eingliederungshilfe ist, behinderte Menschen in die Gesellschaft einzugliedern und ihnen die Teilnahme an der Gemeinschaft zu ermöglichen. Diese Teilnahme schließt neben dem beruflichen Teilbereich auch das kulturelle und politische Leben ein. Die Rückgabe der Verantwortung in diesen Bereich kann sehr unterschiedlich aussehen. Beispielsweise kann dies die eigene Auswahl einer Selbsthilfegruppe, die Entwicklung und Ausübung eigener Freizeitinteressen, Engagement in einem Verein, einer Partei, einer Kirche oder einer anderen religiösen Organisation bedeuten. Auch der Aufbau und die Pflege eines Freundeskreises, die Gestaltung der eigenen Freizeit und die Entdeckung von kostengünstigen Kultur- oder Musikveranstaltungen fördern die Integration. Es ist sinnvoll, dass ein Betreuter, vor Beendigung einer stationären oder ambulanten Behandlung, nicht mehr von den Freizeitangeboten dieser Einrichtung abhängig ist, sondern sich außerhalb der Einrichtung in gesellschaftliche Kreise integriert hat. Die häufig anzutreffende Tendenz, sich von der behandelnden Einrichtung zu distanzieren, kann in diesem Fall eine vorteilhafte Motivation sein, um neue Kontakte außerhalb der Einrichtung zu knüpfen.

Rückgabe der Verantwortung für den eigenen Wohnort

Die Rückgabe der Verantwortung für den eigenen Wohnort kann bedeuten, dass der Betreute sich nach dem Aufenthalt in einer Fördereinrichtung eigenständig um eine neue Wohnform bemüht.
Da das Korsakow-Syndrom, die Begleiterkrankungen, die Verwahrlosung und die verbliebene Eigenständigkeit bei jeder Person variiert, sind die Ausgangspositionen natürlich extrem unterschiedlich und auch der erreichbare Grad der Selbständigkeit unterscheidet sich von Person zu Person. Die zuvor benannten Punkte ergeben natürlich keine vollständige Liste, sondern sollen einen Eindruck geben, welche Entwicklungen möglich sind. Eigenverantwortung kann auch überfordern. Für einzelne Betroffene können bereits einfachste Tätigkeiten, wie die tägliche Zahnhygiene, eine Überforderung sein. Andere Betroffene beginnen ihre Zeit in der Förderung auf einem ganz anderen Niveau der Selbständigkeit. Fallbeispiele aus der Praxis (Deutschle 1998 S.99) zeigen, dass selbst Korsakowkranke mit großer Unselbständigkeit nach einem längeren abstinenten Lebensabschnitt, teilweise ohne besondere Förderung, zu einem bedeutend höheren individuellen Grad an Selbständigkeit und Unabhängigkeit zurückfinden können.

Vorbereitung für die Zeit nach der Betreuung

Fördereinrichtungen bereiten den Übergang in die vollständige Selbständigkeit oder den Übergang in eine andere Betreuungsform für gewöhnlich früh vor. Die Namen für diese Vorbereitung sind unterschiedlich: Auszugsprogramm, Umzugsphase etc.. Betreute üben in dieser Phase ihrer Betreuung die notwendigen Fertigkeiten, die individuell notwendig sind, um sich in der neuen Lebensphase zurechtzufinden. Eine Ausnahme können dabei die Umzüge in eine Pflegeeinrichtung sein, weil zu hohe Pflegeanteilen in der Betreuung notwendig sind. Diese Beendigung der Förderung kann aufgrund eines verschlechterten Gesundheitszustandes auch relativ plötzlich und unvorbereitet passieren.