3.1.2.2 Problematiken während des Prozesses der Selbständigkeitsentwicklung

Die Situation, dass der Betreute sich versorgt und umsorgt fühlt und der Betreuer dafür als Helfender ein positives Gefühl des Gebrauchtwerdens zurückbekommt, kann zu einem Teufelkreis werden, der professionell durchbrochen werden muss. Die Rückgabe der Verantwortung und Selbständigkeit wäre dieser notwendige professionelle Durchbruch. Beide Seiten können ein Interesse daran haben, die bestehende Situation aufrechtzuerhalten. Zusätzlich spielen auch wirtschaftliche Aspekte der Fördereinrichtung in der Entwicklung der Selbständigkeit eine Rolle.

Betreute

Die Sicherheit der umgebenden Einrichtung und das positive Gefühl umsorgt zu werden, kann Betreute dazu veranlassen, die eigene Entwicklung zu mehr Unabhängigkeit und Selbständigkeit nicht weiter oder nur eingeschränkt zu verfolgen. Mehr Selbständigkeit könnte weitere Eigenverantwortung mit sich bringen, die von den Betreuern gefordert wird. Dies bringt Veränderungen mit sich, die für Korsakowkranke schwerer zu bewältigen sind als für andere Menschen. Um diese Veränderung zu vermeiden, kann der Betreute Fortschritte in der Selbständigkeit verweigern.

Träger

Die wirtschaftliche Komponente der Betreuerseite übernimmt in der Regel der Träger der Fördereinrichtung. Für den ist ausschlaggebend ob die Einrichtung ausgelastet ist, eine Warteliste führt oder dringend freie Plätze besetzen muss. Bei geringer Auslastung wird der Träger dazu tendieren, Betreute länger in Betreuung zu halten und die Kostenübernahme für die Betreuten regelmäßig neu zu beantragen. In diesem Fall könnte es sein, dass die Vorbereitungsphase für die Entlassung oder den Auszug aus der Betreuung hinausgezögert wird. Die Folge wäre eine nicht optimale Förderung des Betreuten durch eine Verzögerung seiner Entwicklung der eigenen Selbständigkeit.
Im Falle einer voll ausgelasteten Einrichtung mit eventueller Warteliste könnte der Druck, neue Personen aufzunehmen, die Behandlungsdauer der Betreuten senken. Die Folge wäre verfrühte Entlassung in eine andere Betreuungsform. Wahrscheinlich ist, dass in einem solchen Fall Betreute früher in eine Pflegeeinrichtung abgegeben werden als dies nötig wäre. Aus der Verkürzung resultiert, dass die Betreuten nicht die ihnen zustehende Förderung bekommen.

Betreuer

Im Gegensatz zum Träger der Fördereinrichtung ist der Betreuer tendenziell mehr gefährdet, dem positiven Gefühl der Machtposition und des Gebrauchtwerdens nachzugeben. Wenn für Betreuer das positive Gefühl des Helfens die ausschlaggebende Motivation der eigenen Arbeit ist, dann kann dies dazu führen, dass die Selbständigkeit und insbesondere die aufkeimende Unabhängigkeit der Betreuten, bewusst oder auch unbewusst als Verminderung der eigenen positiven Empfindungen wahrgenommen wird. Eine unprofessionelle Reaktion auf diese Empfindungen wäre, die Behinderung der Entwicklung zu mehr Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Hierbei kann auch der Zwang zu helfen, auch bekannt als Helfersyndrom, dazu führen, dass Tätigkeiten und Aufgaben, die den Betreuten positiv herausfordern würden, grundsätzlich als Überforderung vom Betreuer angesehen und verhindert werden (Schmidtbauer 1992).
Auch sind einfache Aufgaben des Alltags für Betreuer häufig aufwendiger in der Betreuung, als wenn sie vom Betreuer selbst ausgeführt würden. Zeitmangel, Stress oder Ungeduld können Betreuer dazu bringen, Tätigkeiten für den Betreuten auszuführen, die auch vom Betreuten selber hätten ausgeführt werden können. Das Wissen über diese möglichen Behinderungen in der Entwicklung hilft Betreuern bereits Tendenzen in ihrer eigenen Arbeitsweise zu erkennen und diese zu vermeiden.