3.3.1 Biografiearbeit

Biografiearbeit bedeutet für den Betreuten, den eigenen Lebensweg zu rekonstruieren. Dies beinhaltet den gesamten Lebensweg, Lebensbedingungen, zwischenmenschliche Beziehungen, Kontakte, den beruflichen Werdegang, Schicksalsschläge, Ehen oder partnerschaftliche Beziehungen, die Krankheitsgeschichte, bereits erfolgte medizinische Behandlungen und insbesondere die Entwicklung der Suchtkrankheit. In der Biografiearbeit können Gründe oder Begünstigungen der Suchterkrankung entdeckt und besprochen werden. Biografiearbeit hilft dem Betreuer, die Lebensgeschichte und auch die Lebensumstände des Betreuten zu verstehen. Erkenntnisse aus dieser Arbeit können in den weiteren therapeutischen Arbeiten hilfreich sein und bieten auch wichtige Informationen für das systemische Denken. Bei einer retrograden Amnesie bietet die Biografiearbeit dem Betreuten und dem Betreuer zusätzlich die Möglichkeit, die vergessenen Jahre oder Monate wieder aufzuarbeiten und Erinnerungslücken, mithilfe von Nachforschungen, zu schließen. Für diese Arbeitet bietet sich in den ersten Schritten das gemeinsame Rekonstruieren der Biografie in Einzelgesprächen an.

Informationen sammeln

Weitere Informationen können von gesetzlichen Betreuern, dem Personal der Entzugsklinik oder der zuvor behandelnden Einrichtung eingeholt werden. Ein weiterer Schritt kann das Gespräch mit Verwandten oder nahen Bekannten sein. Diese Gespräche sollten teilweise gemeinsam mit den Betreuten durchgeführt werden. Es sollte allerdings auch die Möglichkeit genutzt werden, ein Gespräch nur zwischen Verwandten und den Betreuern durchzuführen, da in diesen Gesprächen teilweise auch Details der Biografie oder auch der zwischenmenschlichen Beziehungen benannt werden, welche aus Scharm oder Respekt nicht offen im Beisein des Betreuten genannt werden.

Kollektive Erinnerungen

Durch die Bezugnahme auf besondere geschichtliche Zeitpunkte, die von vielen Menschen wahrgenommen werden, können Erinnerungen über die Lebensumstände und Lebenssituationen lebendig werden. Helfen können dabei Zeitdokumente wie Zeitungsartikeln oder alten Fernsehsendungen (Ruhe 2007 S.28).

Fotografien

Fotografien können durch die visuelle Kraft der Erinnerungen besonders emotional wirken und Anknüpfpunkte für Erinnerungen bieten. Fotografien können im Prozess der Biografiearbeit in Bilderbüchern festgehalten und nach Themen oder chronologisch geordnet werden (Ruhe 2007 S.52)

Dokumentationsorientiertes Arbeiten

Es bietet sich an, die aufgedeckte Biografie schriftlich festzuhalten. Dies erweist sich auch als dauerhafte Hilfe, da Biografiearbeit häufig über einen längeren Zeitraum betrieben wird und neue Informationen entsprechend eingeordnet werden können. Als Methoden können dafür beispielsweise Zeitstrahlen genutzt werden, auf denen die einzelnen Stationen des Lebens eingezeichnet werden (Ruhe 2007 S.26).
Biografiearbeit zeigt auch die persönlichen und sozialen Ressourcen des Betreuten auf, die nicht offenkundig ersichtlich oder dem Betreuten nicht präsent sind. Durch die Biografiearbeit werden häufig die existierenden Familienverhältnisse geklärt und sie gibt den Anstoß zu einer Kontaktaufnahme innerhalb einer Familie nachdem, aufgrund der Alkoholabhängigkeit, längere Zeit kein Kontakt bestand. Biografiearbeit bietet auch die nötige Grundlage für den Betreuer, um informiert mit Konfabulationen umgehen zu können, Realität von Fiktion zu unterscheiden und dies gegebenenfalls mit dem Betreuten zu besprechen.