3.4 Gedächtnistraining

Neben der Alkoholerkrankung ist die Gedächtnisschwäche das überwiegende Problem Korsakowkranker. Die Heilungsmöglichkeiten sind aufgrund des irreparablen organischen Schadens an den Mammilarkörpern im Limbischen System begrenzt. Begrenzte Heilungsmöglichkeit der Gedächtnisleistung bedeutet in diesem Fall, dass es für jeden Betroffenen eine endliche Entwicklungsmöglichkeit gibt. Nach einem individuellen Fortschritt erschöpft sich die positive Entwicklung und der Fortschritt erfolgt nur noch minimal und kaum messbar. Die Entwicklung der Gedächtnisleistung stagniert dann oder kann sich auch negativ entwickeln. Die negative Gedächtnisentwicklung kann aufgrund von geringer Förderung, von Demenz oder als normale Alterserscheinung eintreten.
Wie bereits erwähnt wurde, betrifft diese Merkfähigkeitsstörung meist ausschließlich sprachlich codierte Informationen. Das Handlungsgedächtnis für unbewusste Alltagshandlungen, die nicht sprachlich codiert gespeichert werden, ist weiter lernfähig. Es umfasst alle routinemäßigen motorischen Fertigkeiten wie beispielsweise Gehen, Fahren und Musikinstrumente spielen. Diese Fertigkeiten gelingen uns überwiegend unbewusst, ohne dass wir darüber nachdenken.
Der Unterschied zwischen diesen Gedächtnisleistungen erklärt auch die Erfolge einer Betreuung, die Wert auf alltägliche Handlungen legt. Die Erfahrungen der Praxis, wie sie von Deutschle geschildert werden (Deutschle 1998 S.94), dass alltagsbezogenes Training mehr Lernerfolge und gewonnene Selbständigkeit bringt als sprachlich basierte Gedächtnis- und Gesprächstherapien können mit der Unterscheidung zwischen den beiden Gedächtnistypen erklärt werden. Trotzdem sollte die Förderung und Entwicklung der sprachlich codierten Merkfähigkeit nicht vernachlässigt werden, wenn sie auch nicht so große Erfolge verspricht wie die Förderung der prozeduralen Gedächtnisfunktionen. Schließlich ist die hochgradige sprachliche Merkfähigkeitsstörung die eigentliche Behinderung. Der Versuch die angestrebte Selbständigkeit im Alltag überwiegend über die prozeduralen Gedächtnisfunktionen herzustellen, ist nur als Ersatz für die unwiederbringlich verloren gegangene Merkfähigkeit zu sehen. Erfolge im Bereich der sprachlich codierten Merkfähigkeit sind für das Individuum wertvoller, da sie durch ihre Übertragbarkeit in andere Lebensbereiche einen Fortschritt in der gesamten Entwicklung darstellen. Prozedurale Merkfähigkeit hingegen ist nicht übertragbar und damit speziell an einen Lebensbereich oder eine Situation gebundenes Wissen (Romero 2002 S.251). Dies unterstreicht noch einmal die notwendige Individualisierung der Betreuung Korsakowkranker je nach Entwicklungsmöglichkeiten und Schweregrad der Schädigung. Ein auf den Betreuten angepasstes Gedächtnistraining beider Gedächtnisformen ist anzustreben. Das Training der sprachlich codierten Merkfähigkeit bedeutet, die Merkfähigkeit betroffener Personen zu erhöhen. Für manche Personen ist es aber auch ein Training, um die bereits vorhandene Merkfähigkeit zu erhalten und Rückschritte zu vermeiden. Dies bedeutet auch, dass Personen für den Zeitraum ihrer Förderung in einer Fördereinrichtung nicht nach einer längeren Stagnation ihrer Gedächtnisleistung das Training abbrechen. Das Training kann mit selbständigen Gedächtnisaufgaben, in der Gruppe oder im Einzeltraining mit einem Betreuer stattfinden.