3.5 Beschäftigung/Arbeit

Neben der Angst vor einem Rückfall, ist für alkoholkranke Personen in einer Rehabilitationsklinik die drohende Arbeitslosigkeit der größte Angstfaktor, noch vor der Angst, einen nahen Angehörigen zu verlieren (Tielking 1999 S.71). Für alkoholkranke Personen mit dem Korsakow-Syndrom ist die Ausgangsposition in der Fördereinrichtung eine etwas andere, da viele Korsakowkranken aufgrund ihres Alters oder ihrer Erkrankung bereits verrentet oder frühverrentet sind. Trotzdem oder gerade deswegen ist die Frage nach einer Beschäftigung im weiteren Leben sehr wichtig. Die Rente kann nicht nur als Zielgerade für das berufliche Leben, sondern auch als eine verordnete und allgemeine Arbeitslosigkeit mit der Bedeutung keine Beschäftigung zu haben verstanden werden. Zwar wird der Status „Rentner“ gesellschaftlich höher bewertet als der Status „arbeitslos“, dem Bedürfnis einer erfüllenden und/oder relevanten Beschäftigung nachzugehen, wird dieser Statuswechsel allerdings nicht gerecht. Arbeit, Beschäftigung, Fähigkeiten und Kompetenzen bestimmen in einem hohen Grad das Selbstwertgefühl des Menschen. Vergangene Arbeitsverhältnisse, die eigene Berufsgruppe, Fähigkeiten und auch Beziehungen zu ehemaligen Arbeitskollegen, die als besonders kameradschaftlich empfunden wurden, sind häufige Gesprächsthemen und zeichnen sich durch eine hohe Identifikation aus. Die Ermöglichung einer angemessenen Beschäftigung ist auch Bestandteil der Eingliederungshilfe nach dem §54 Abs. 1 Punkt 3 & 4 des SGB 12. Darin heißt es, dass die Eingliederungshilfe eine Hilfe zur Ausbildung für eine sonstige angemessene Tätigkeit oder Hilfe in vergleichbaren sonstigen Beschäftigungsstätten ermöglicht. Die Form und die Leistungen der sonstigen Beschäftigungsstätten werden im §41 des SGB 9 geregelt. Dort heißt es in Absatz 2:
Die Leistungen sind gerichtet auf
1. Aufnahme, Ausübung und Sicherung einer der Eignung und Neigung des behinderten Menschen entsprechenden Beschäftigung,
2. Teilnahme an arbeitsbegleitenden Maßnahmen zur Erhaltung und Verbesserung der im Berufsbildungsbereich erworbenen Leistungsfähigkeit und zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit sowie
3. Förderung des Übergangs geeigneter behinderter Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt durch geeignete Maßnahmen.

Dies bedeutet, dass zur Eingliederung eine Tätigkeit in einer Behindertenwerkstatt, genauso wie eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt, angestrebt und aufgenommen werden kann. Sollte es möglich sein, ist das Ziel der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt. Für den Übergang aus einer intensiven Betreuung, wie einer vollstationären Einrichtung, in eine Wohnform mit geringerer Betreuung und größerer Selbständigkeit, ist die geglückte Vermittlung in eine passende Beschäftigung oder einen Arbeitsplatz wichtig. Abstinente Alkoholabhängige mit einem Beschäftigungsverhältnis setzten sich gedanklich mehr mit ihrer Gesundheit auseinander als arbeitslose Alkoholiker. Arbeitslose Suchtkranke setzten sich gedanklich vorrangig mit ihrer Arbeitslosigkeit auseinander (Ziegler 1999 S.19). Bereits die Hoffnung auf eine Arbeitsstelle wirkt sich bei Alkoholikern abstinenzfördernd aus. Eine regelmäßige Beschäftigung schafft, wie die Tages- und Wochenstruktur, einen Rhythmus im Leben. Sie kann das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden, etwas zu leisten und ermöglicht es, die Freizeit als Erholung von der Arbeit wahrzunehmen und nicht nur als die Zeit, die sinnvoll gefüllt werden muss. Arbeitslosigkeit hingegen weist nach Ziegler eine ähnliche Dynamik auf wie Alkoholismus: „Sie bedeutet den Verlust der Handlungskontrolle und damit auch der Selbständigkeit. Sie führt zu sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung. Sie verfestigt negative Gefühle wie Nutzlosigkeit, Depression, Angst und Wertlosigkeit und sie fördert gesundheitsriskantes Verhalten in Konsum- und Schlafgewohnheiten“ (Ziegler 1999 S.21). Deshalb ist die Frage nach Beschäftigung und Arbeit ein wichtiger Teil in der Förderarbeit mit Korsakowkranken.
Ziegler rät dazu, Resignation bei arbeitslosen Alkoholabhängigen zu überwinden, indem der Weg zu einer Beschäftigung in einfache Teilschritte unterteilt wird, die für den Betroffenen überschaubar sind. Diese Teilschritte sollten sich nach jedem Schritt auswerten lassen können, um den Weg zu einer Beschäftigung zu beschreiben und positive Entwicklungen zu erkennen. Als Vorbereitung muss ein Arbeitsverhalten aufgebaut werden, dass dem der angestrebten Beschäftigungsstelle entspricht. Die folgenden beiden Kapitel zeigen Möglichkeiten der Entdeckung und Wahrnehmung einer Tätigkeit auf.