4.1.3 Nachgehende Sozialarbeit

Nach Wienberg (Wienberg 2001) werden in Deutschland nur 5% aller Alkoholabhängigen durch die gegenwärtige Suchthilfe erreicht. Viele beratende soziale Einrichtungen arbeiten nur mit Menschen, die selber die Einrichtung aufsuchen oder auf anderem Wege nach Hilfe verlangen. Häufig steht hinter dieser Annahme, dass ein Betroffener selber den Entschluss fassen muss, sich helfen zu lassen, bevor Hilfe effektiv eingesetzt werden kann. Der Leidensdruck muss in diesen Fällen so hoch sein, damit sie Hilfe suchen oder überhaupt annehmen. Allerdings verhalten sich Menschen unter steigendem Leidensdruck nicht gleich und nicht jeder Mensch empfindet den Leidensdruck auch gleichzeitig als Aufforderung, sich Hilfe zu suchen. Für viele Menschen, insbesondere aus Kulturen, in denen Scharm und Schuld anders verstanden wird als in den westlichen Kulturen, bewirken wachsende Probleme wie Alkoholabhängigkeit, die in großen Teilen der Gesellschaft als selbstverschuldet empfunden werden, eher einen Rückzug aus dem öffentlichen Leben als ein Zuwenden zu Hilfseinrichtungen. Erschwerend kommt für manche Personen mit Migrationshintergrund ein großes Misstrauen gegenüber öffentlichen Einrichtungen hinzu, da ihre Erfahrungen mit öffentlichen Einrichtungen im Herkunftsland von Kontrolle und Restriktion geprägt sein können oder sie nicht zwischen helfenden Einrichtungen und als strafend empfundenen Einrichtungen, wie den Gerichten, der Polizei, den Ausländerbehörden oder der Arbeitsagentur, differenzieren können. Offensichtlich hat der Leidensdruck bei Korsakowkranken nicht rechtzeitig dazu geführt, sich effektiv helfen zu lassen, bevor die irreversiblen Schädigungen aufgetreten sind. Eine Antwort auf diese Rückzugstendenzen kann die aufsuchende Sozialarbeit sein, die ohne Anfrage Hilfe und Beratung im Lebensumfeld von abhängigen Menschen anbietet. Häufig praktiziert wird diese aufsuchende Sozialarbeit durch Hilfsangebote für die offene Alkoholikerszene an bekannten Treffpunkten. Schwieriger und auch seltener ist die Arbeit mit Einzelpersonen oder kleinen Gruppen von Alkoholikern, die in den eigenen Haushalten konsumieren.