4.1.4 Thiaminzugabe zu Nahrungsmitteln

In Australien tritt aus bisher ungeklärten Gründen eine hohe Anzahl von WKS-Fällen auf. Unter diesen Fällen sind häufiger stark ausgeprägte Korsakowfälle zu verzeichnen. Als Reaktion auf diese hohen Fallzahlen wurde das Problem des WKS seit den 70er Jahren in den australischen Gesundheitsbehörden diskutiert. Daraus resultierte 1987 die Empfehlung des National Health and Medical Research Council (NHMRC) Bier und Wein zusätzlich Thiamin zuzusetzen. Dieser Vorstoß stieß seitens der Alkoholindustrie und der Antialkoholgruppen auf Widerstand. Nach weiterer Diskussion wurde die Empfehlung des NHMRC in die Empfehlung umgewandelt, Brot mit Thiamin anzureichern. Am 1.Januar 1991 trat dann ein Gesetz in Kraft, welches die Anreicherung von Thiamin in Brot auf 6.4 mg pro kg festlegte, die allerdings nicht überwacht wird (Drew 1998). In den beiden folgenden Jahren 1992 und 1993 wurde von Truswel (Truswel 1998) ein Rückgang der WKS-Fälle festgestellt. Ab 1994 wurde kein weiterer fortschreitender Rückgang festgestellt. Die Sterblichkeit aufgrund einer akuten Wernicke-Enzephalopathie oder aufgrund von Thiaminmangel ging in den Vergleichszeiträumen von 1984-1989 und 1993-1996 von 329 auf 255 zurück. Gleichzeitig stieg die Todesrate aufgrund von anderen alkoholischen Demenzen, Alkoholabhängigkeitssyndromen und Alkoholgebrauch ohne Abhängigkeit von 452 auf 493 (Drew 1998). Der Vergleich zeigt, dass, obwohl es einen Anstieg der alkoholbedingten Todesfälle gab, die Sterblichkeit aufgrund vom WKS deutlich sank. Harper, Truswel und Drew kommen in ihren Einschätzungen überein, dass eine höhere Effektivität der Thiaminzugabe möglich ist, wenn sie anstelle von Brot in Bier gegeben wird (Truswel 1998, Harper 1998, Drew 1998). Man vermutet auch Kostenersparnisse, da Thiamin in Brot durch die Hitze des Backens teilweise zerstört wird und deshalb größere Mengen zugesetzt werden müssen (Maleki 1966). Die Zugabe von Thiamin wird aufgrund von Geschmacksveränderungen des Bieres bei hohen Thiaminzugaben kontrovers diskutiert, obwohl dies nur für sehr empfindsame Biertrinker wahrnehmbar ist (Drew 1998). Insgesamt wird aber davon ausgegangen, dass Thiamin und Bier, im Gegensatz zu Wein, geschmacklich zusammenpassen. Da das zugeführte Thiamin nach der Gärung dazugegeben wird, würde es das eigentliche, natürlich vorhandene Thiamin der Bierhefe ersetzen, welches durch den Gärungsprozess zerstört wurde. Ironischerweise ist Bierhefe eines der Nahrungsmittel mit dem höchsten Vitamin-B1 Gehalt. Da die Thiaminzerstörung durch die Gärung nicht so bekannt ist, wird Bier manchmal fälschlicherweise als Vitamin-B1 Lieferant empfohlen.
Da die Anreicherung von Thiamin in Lebensmitteln in Australien nachweislich Erfolge erzielt hat und die Ausweitung auf Bier nach der einheitlichen Meinung der untersuchenden australischen Wissenschaftler wünschenswert wäre, könnte auch in Deutschland über eine Anreicherung von Thiamin in Lebensmitteln nachgedacht werden. Dabei sollten nicht nur die Möglichkeiten von landesweiten Verordnungen und Gesetzen für Bier, Brot oder andere Lebensmittel berücksichtigt werden, sondern auch die Zugabe von Thiamin bei öffentlichen Essensausgaben, in der Verpflegung von Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen, die häufig Kontakt mit Risikopersonen haben.